Wertheimer – Marie und Jette


Lage: Ritterplatz 4 – Wachbach



Marie und Jette Wertheimer lebten in Wachbach in der Hauptstraße, heute Ritterplatz. Sie waren Schwestern und beide nicht verheiratet. Im Einwohnerbuch 1939 von Wachbach sind beide als Rentnerinnen eingetragen.

Marie wurde am 22.4.1874 als ältestes von 5 Kindern von Samuel und Elise, geb. Löwenthal, geboren. Im Familienbuch ist „Marianne“ als Vorname eingetragen, sie wurde jedoch Marie gerufen. Einige Dokumente weisen auch Maria als Vornamen auf. Sie wird von Zeitzeugen als große, schlanke, feingliedrige Frau mit schwarzem Haar beschrieben. Über ihr Leben ist kaum etwas bekannt.
Ihre letzte bekannte Adresse ist in Würzburg in der Dürerstraße 20. Dort befand sich ein Altersheim (Judenhaus), in dem Juden zwangseinquartiert wurden. Es ist nicht bekannt, wann Marie nach Würzburg gekommen ist und wie lange sie dort war.
Sie wurde am 11.9.1942 von Würzburg nach Theresienstadt deportiert. In einer Deportationsliste ist bei ihr „gebrechlich“ vermerkt. Ihr Todestag laut Karteikarte aus Theresienstadt, Ghetto, ist der 26.9.1942. Sie wurde 68 Jahre alt.

Jette schaut aus dem Fenster ihres Hauses

Jette wurde am 3.4.1879 als drittes Kind der Familie Wertheimer geboren. Sie hatte graues Kraushaar und ging gebückt. Sie wurde am 28.11.1941 von Bad Mergentheim nach Stuttgart deportiert und dann am 1.12.1941 von Stuttgart nach Riga-Jungfernhof. Sie wurde 62 Jahre alt. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.
Marie und Jette wohnten in einem Haus, das auf der Grundmauer mit Balken aufgestockt war, so dass die Balken überstanden, auf dem ein Balkengerüst hochgezogen war. Es entstand ein ca. 1,30 m hoher Überhang, unter dem ihr Holz aufgesetzt war und unter dem die Nachbarskinder auch gerne spielten. Zeitzeugen berichten, dass sie „feine Frauen“ waren und dass es bei ihnen sehr sauber war, sie schöne Möbel hatten und dass eine Nachbarin öfters an Schabbat das Feuer für Marie und Jette anmachen musste, da sie das laut jüdischem Gesetz an diesem Tag nicht tun durften. Fürs Holz in den Keller bringen bekamen die Nachbarskinder auch immer ein paar Pfennige. Ein Nachbarsjunge erinnert sich: „Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir Kinder Fußball gespielt haben. Das haben die beiden Frauen nicht so gern gesehen, weil der Ball öfter an ihr Haus prellte und so die Wand schmutzig wurde. Einmal kullerte der Ball wieder unter das Haus und Jette schnappte ihn sich. Nach drei Tagen gab sie uns aber den Ball wieder.“
„Ich kann mich auch an den Judenstern erinnern. Wenn Marie und Jette nach draußen gingen, hatten sie eine Handtasche dabei, die sie so trugen, dass man den Stern nicht sah. Wenn ein Nazi das sah, wurden sie von ihm mit den Worten: „Hand runter, der Stern muss sichtbar getragen werden“ zurechtgewiesen.“
„Als es Zuteilungen gab, hat es für Marie und Jette nie gereicht, nicht das Holz, nicht die Kohlen, nicht die Lebensmittel.“ Einige Wachbacherinnen ließen Marie und Jette heimlich Eier, Milch und Gemüse zukommen. Sie wurden auch mit Kohlen versorgt, was für diese Personen zur Androhung von Konsequenzen führte.
Nach der Deportation von Marie und Jette wurden die Haushaltsgegenstände versteigert und verkauft. Das Wohnhaus der Wertheimer wurde 1959 abgebrochen. An dieser Stelle steht jetzt eine Scheune.
Über den Verbleib der drei Geschwister von Marie und Jette ist nichts bekannt. In den einschlägigen Archiven sind sie nicht verzeichnet.

Quellen:

Verlegedatum: 09. Mai 2022
Patenschaften für beide Steine: Brigitte Kaupat und Axel Bähr
Autor: BL